Wie sieht die Zukunft des Sozialstaates aus? Welche Folgen hätten längere Lebensarbeitszeiten, Eingriffe in die gesetzliche Rente oder Kürzungen bei Pflege und Gesundheit für die Beschäftigten? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich Betriebsräte und Vertrauensleute aus der Region bei der Aktionskonferenz „Werkstatt Sozialstaat – zwischen Schlagzeilen und Wirklichkeit“ der IG Metall Schweinfurt.
Zur Diskussion standen am Samstag (25.7.2026) am Schweinfurter Zeughaus und in den Räumlichkeiten von DGB und IG Metall die aktuellen Vorschläge zur weiteren Entwicklung des Sozialstaates. In den Workshops referierten Frank Firsching (DGB Regionsgeschäftsführer Unterfranken) zu Gesundheit und Pflege, Theresia Stahl (IG Metall Vorstandsverwaltung) zur Arbeitszeit sowie Maximilian Waclawczyk (IG Metall Vorstandsverwaltung) zur Rente. Besonders kritisch bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Empfehlungen zur Anhebung des Renteneintrittsalters, zur Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren sowie zum Ende des Altersteilzeit-Blockmodells.
Respekt vor der Lebensleistung
„Wer jahrzehntelang gearbeitet, Beiträge gezahlt und oft unter hohen Belastungen Leistung erbracht hat, darf am Ende nicht bestraft werden“, betonten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren sei kein Privileg, sondern Ausdruck von Gerechtigkeit und Anerkennung von Lebensleistung. Gerade Beschäftigte, die über Jahrzehnte hinweg in Schichtarbeit, Produktion oder anderen körperlich belastenden Tätigkeiten gearbeitet haben, dürften nicht die Leidtragenden rentenpolitischer Kürzungsvorschläge werden. Die Rente nach 45 Versicherungsjahren sei eine Frage des Respekts vor ihrer Lebensleistung.
Besondere Kritik richtete sich gegen die geplante Abschaffung des Altersteilzeit-Blockmodells. Gerade in Industriebetrieben habe sich dieses Instrument bewährt, um Beschäftigten einen planbaren und gesundheitsgerechten Übergang in den Ruhestand zu ermöglichen. Das Altersteilzeit-Blockmodell ist darüber hinaus ein wichtiges tarifpolitisches Instrument für die sozialverträgliche Gestaltung von Transformations- und Umstrukturierungsprozessen in den Betrieben. Seine Abschaffung würde sowohl den Beschäftigten als auch den Betrieben wichtige Handlungsmöglichkeiten nehmen.
Verlässliche und flexible Übergänge in den Ruhestand
„Die Menschen brauchen keine Rente mit 68 oder 69. Sie brauchen verlässliche und flexible Übergänge in den Ruhestand. Wer längere Lebensarbeitszeiten fordert, ignoriert die Realität vieler Beschäftigter in Schichtarbeit, Produktion und anderen belastenden Tätigkeiten“, lautete der Tenor der Diskussion.
Während der Veranstaltung wurden die aktuellen Reformdebatten in der Renten-, Pflege- und Gesundheitspolitik sowie die Diskussionen um Arbeitszeit und soziale Sicherheit analysiert und bewertet. Dabei wurde deutlich: Die unterschiedlichen Reformvorhaben folgen häufig demselben Muster. Beschäftigte sollen länger arbeiten, höhere Belastungen tragen und zugleich mit geringeren sozialen Leistungen auskommen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wandten sich deshalb gegen jede Form von Sozialabbau. „Gute Renten, gute Gesundheitsversorgung, eine verlässliche Pflege und humane Arbeitszeiten sind keine Kostenfaktoren, sondern Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stabilität“, lautete eine zentrale Botschaft der Konferenz.
Gegen Leistungskürzungen
Kritik gab es auch an den aktuellen Reformüberlegungen in der Pflegepolitik. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wandten sich gegen Leistungskürzungen, steigende Eigenanteile und zusätzliche Belastungen für pflegende Angehörige. Pflege dürfe kein Armutsrisiko werden. Stattdessen brauche es eine solidarische Pflegeversicherung, die eine gute Versorgung sicherstellt und Pflegebedürftige sowie ihre Familien wirksam entlastet.
Auch die aktuellen Debatten zur Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung wurden kritisch bewertet. „Gesundheit darf nicht von der Größe des Geldbeutels abhängen. Notwendig sind solidarische und gerechte Finanzierungsmodelle statt Leistungskürzungen und zusätzlicher Belastungen für Versicherte“, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass die Zukunft des Sozialstaates ganzheitlich betrachtet werden müsse. „Gute Renten, eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung, eine verlässliche Pflege und faire Arbeitsbedingungen gehören zusammen. Der Sozialstaat gibt den Menschen Sicherheit in allen Lebenslagen und ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Zum Abschluss der Konferenz setzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein sichtbares Zeichen. Gemeinsam präsentierten sie ein Transparent mit dem Motto:
Deutschland: STABIL!
Das Motto steht für die zentralen Forderungen der IG Metall Schweinfurt in der Debatte:
· Stabile Löhne
· Sichere Arbeitsplätze
· Starker Sozialstaat
„Gerade in Zeiten großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen brauchen die Menschen Sicherheit und Verlässlichkeit. Stabilität entsteht nicht durch Sozialabbau, längere Arbeitszeiten oder schlechtere Renten. Stabilität entsteht durch gute Arbeit, soziale Sicherheit und einen starken Sozialstaat.“
Mit Blick auf die kommenden politischen Auseinandersetzungen rief die IG Metall Schweinfurt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Beteiligung an der DGB-Kundgebung am 26. September 2026 am Kornmarkt in Nürnberg auf. Dort wollen Gewerkschaften, Sozialverbände und Beschäftigte gemeinsam ein Zeichen für einen starken Sozialstaat, gute Arbeit und eine gerechte Zukunft setzen.